Ich kann unmöglich schlafen gehen. Ich bin so traurig. Ich fühle mich einsam. Mir laufen Tränen über die Wangen…
Es gibt eine Sache, die mich einfach total verletzt hat. Verwundbar gemacht hat. Und ich kann diese Wunde nicht schliessen. Es geht nicht…es geht wirklich nicht…ihr versteht wahrscheinlich überhaupt nicht um was es gerade geht…nein, es handelt sich nämlich nicht um meinen Freund oder dergleichen…es handelt sich um meinen Vater.
Vor etwa 3 Jahren hatten sich meine Eltern getrennt. Jetzt sind sie geschieden. Ich sah ihn höchstens einmal im Jahr. Warum? Weil es gar nicht anders ging. Weil er zu weit weg wohnte. Und damit meinte ich jetzt nicht in einem anderem Kanton, irgendwo in der Schweiz, oder innerhalb von Europa. Er wohnte in der Karibik. Kuba. Mit einer neuen Familie. Er verdiente sein Geld dort zuerst als Maler, nun unterrichtete er Deutsch an einer Universität. Es ist beinahe lächerlich. Kubanische Leute hatten so schlechte Zukunftsaussichten, dass das Deutsch einfach nur überflüssig und unnötig war. Doch wenigstens verdiente mein Vater Geld damit. Er lebte mit seiner Freundin (oder neue Ehefrau??) zusammen und hatte mit ihr bereits ein Kind. Eine Tochter. Ich weiss nicht wie sie heisst. Ich hatte eine Stiefschwester…und wusste echt ihren Namen nicht…hatte sie nie gesehen…und seine Freundin oder Frau auch nicht…
Die ganze Geschichte begann damit, dass mein Vater sich in eine Koreanerin verliebte, und unbedingt Koreanisch lernen wollte. Er ging darum einfach in einen koreanischen Laden in Rapperswil und lernte dort meine Tante kennen. Sie verabredeten sich bei ihr zu Hause, wo er dann das erste Mal auf meine Mutter traf, die gerade in der Schweiz Musik an der Jazzschule in Bern studierte (das war jedenfalls die offizielle Version). Da meine Mutter Deutsch lernen wollte, und mein Vater Koreanisch, verabredeten sie sich ein paar Mal um ihre Sprachkenntnisse auszutauschen. Doch bei einem Treffen, da küsste meine Mutter urplötzlich meinen Vater…den Rest könnt ihr euch denken…und sie wurde sofort schwanger. Mein Vater, der eigentlich in eine andere Koreanerin verliebt war ( warum er dann mit meiner Mutter schlief ist mir selbst ein Rätsel) konnte meine Mutter unmöglich sitzen lassen..sie war so hilflos und aufgeschmissen… . Er verliebte sich dann bald schon in meine Mutter und sie beschlossen zu heiraten.
Kurz vor der Hochzeit, meine Mutter war bereits einige Monate schwanger, verlor sie das Ungeborene. Es war, wie gesagt, KURZ vor der Hochzeit…damit waren ein paar wenige Tage gemeint…und bereits nach der Trauung bekam meine Mutter so eine Laune und wollte sich gleich wieder scheiden lassen…am GLEICHEN Tag wie die Hochzeit. Meine Tante verhinderte dann diese Katastrophe indem sie meiner Mutter klar machte, dass das hier nicht so einfach sei…
Die Hochzeitsreise verlief prima…und sie waren glücklich. Ein Jahr später kam dann ich auf die Welt, und noch ein Jahr später meine Schwester…
Doch, als ich dann etwa fünf Jahre alt war, funktionierte die Ehe nicht mehr. Meine Mutter wollte sich scheiden lassen, doch mein Vater weigerte sich stets, weil er meine Schwester und mich nicht ohne Vater aufwachsen lassen wollte…sie stritten sich mit der Zeit mehr und mehr...und, obwohl es sicher 10 Jahre her war...ich konnte mich an ein paar Ereignisse und Bilder erinnern...die nie gelöscht wurden aus meinem Kopf...Bilder, in diesen meine Mutter Teller an die Wand knallte, Scherben sprangen, sie die Koffer packte und weg gehen wollte...meine Schwester und ich, weinend uns an unsere Mutter klammernd...
Das alles ging über sieben Jahre lang weiter...
dann kam es, dass wir ein Jahr lang nach Kuba gingen...und dann...
geschah es...
mein Vater verliebte sich neu...und betrog meine Mutter...
Ende des Jahres kam es heraus und dann herrschte die HÖLLE...
damals besuchte ich die 1. Sekundarklasse..und ich konnte es niemandem erzählen...mich ausheulen...weil ich einfach niemand hatte, dem ich das wirklich anvertraute...und alle selbst noch Probleme hatten...ich wollte die anderen nicht mit meinen zusätzlich belasten.
Ich hatte ziemlich viel geweint. An dem Tag, als unser Vater uns verlassen hatte, sah ich ihn zum ersten Mal weinen...
Meine Schwester und ich lagen in den Betten und horchten, wie unsere Eltern sich stritten, wie meine Mutter alle Dinge begann herumzuschmeissen...nach ihm zu schmeissen...wir waren beide hemmungslos am schluchzen...
Unser Vater kam noch einzeln in unsere Zimmer und ich weiss noch, wie ich meine Arme um seinen Hals schlang, schluchzend sagte, dass er nicht gehen solle, dass er mich nicht verlassen durfte, dass ich ihn wiedersehen wolle...
er weinte ebenfalls, sagte, dass er sich keine bessere Tochter vorstellen könne, dass ich einmal eine wunderschöne, temperamentvolle Frau werden würde mit dem Herz am rechtem Fleck...
Daran kann ich mich ebenfalls gut erinnern...immer wenn ich etwas Dummes angestellt hatte, eine schlechte Note heimgebracht hatte...und meine Mutter war da echt immer total streng...dann begann ich zum Teil zu weinen...und dann kam mein Vater zu mir, nahm mich in seine Arme und sagte, es sei nicht wichtig, ob ich gut in der Schule sei, ob ich jetzt diese Lampe kaputt gemacht hatte...das wichtigste sei, dass ich mein Herz auf dem rechten Fleck habe...und das hätte ich...und danach fühlte ich mich immer viel besser...
Jetzt ist gerade so ein Moment, in dem ich mir so sehr wünschte, dass er hier wäre...ich brauchte ihn. Ich brauchte einen Vater.
Meine Mutter war einfach so nicht auszuhalten...ich hasste es, weil sie ständig in Selbstmitleid versank...ich hasste es, wenn sie mal an einem Abend zu viel trank, und dass passierte mehrmals die Woche, und sie uns dann nonstop nervte und uns ständig wegen jeder Kleinigkeit anschreite...
das Schlimmste war eindeutig, wenn sie dann begann zu schreien, dass wir doch nach Kuba zu unserem Vater gehen sollten. Sie bräuche uns nicht. Wir täten nichts für sie. Wären wir nicht, würde sie schon längst nach Korea zurück gehen...etc.
Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie weh diese Worte tun. Was sollte man darauf antworten?
Was sollte man tun, wenn eine Mutter einen ungerecht behandelte? Wenn sie einen schlug, ohne zu überlegen... man konnte nicht zurück schlagen...man konnte nicht von zu Hause abhauen...wo sollte man hin? Nach Kuba bestimmt nicht...was hatte sie denn für Vorstellungen?? Sie überlegte einfach überhaupt nichts...
Ich hatte meinem Vater schon monatelang keine Mail geschrieben...kein Lebenszeichen von mir gegeben...er sich auch nicht...wir hatten keinen Kontakt. Ich kenne meinen Vater nicht mehr. Ich kannte nicht mal diese Person, die im letzten Winter in der Kantieingangshalle auf mich wartete...ein grosser, hagerer Mann mit grauem Haar und vielen Falten im Gesicht...wurde man in einem Jahr so alt? Ich musste mich damals heimlich mit ihm treffen als er in der Schweiz war...weil meine Mutter es verboten hatte...und meiner Schwester, der ich ansonsten ALLES anvertraute, erzählte ich davon auch nichts...weil sie nichts von ihm hielt und er ihr egal war....denn sie kannte die ganze Familengeschichte nicht...
Ich kenne sie auch nicht...die Geschichte ist einfach die, die mein Vater mir angegeben hatte im letzten Mail, als ich ihn darum gebeten hatte...was da genau gelaufen war zwischen meinen Eltern... und meine Mutter wollte sowieso nie darüber reden...
Ich wollte nach Kuba. Für ein Jahr. Einerseits, um Spanisch zu lernen, und andererseits, um meinen Vater wieder kennen zu lernen...und seine Familie...und weil ich von meiner Mutter einfach mal Abstand gewinnen musste... ich hielt es mit ihr kaum noch aus und war froh, so wenig wie möglich zu Hause zu sein...
Wenn sie von meinen Plänen wüsste...
sie würde mich glatt aus dem Haus werfen...
doch das war mir egal. DAS war etwas, was ich wirklich wollte...
...und da würde mich meine Mutter bestimmt nicht abbringen können...
So. Jetzt...
hab ich verheulte Augen
Ich sehe kaum noch die Tastatur
Doch bevor ich ins Bett gehe, muss ich noch unbedingt meinem Vater eine Mail schreiben..
...was weiss ich noch nicht...was wollte er von mir wissen? Das ich einen Freund hatte? Den Weihnachtsball organisierte? Nachhilfe gab und einen Nebenjob hatte? ...
oder einfach...
das ich ihn vermisste...und liebte...und hoffte, ihn bald wieder sehen zu können...

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